Geh-Schichten aus dem Archiv

Ein Verhör unter besonderen Umständen

Am 03. April 1876 wurde die 35-jährige Schneiderin Anna Maria Zumstein verhört. Zumstein war zwölf Jahre zuvor bereits wegen "verbotenen Umgangs" verurteilt worden, und 1873 hatte man sie wegen einer unehelichen Schwangerschaft gebüsst. Nun war sie erneut schwanger, von Konrad Thaler, einem Thurgauer Sattlergesellen, der im Sommer 1875 in Lungern gearbeitet hatte, nun aber weitergezogen war. In Briefen, die Thaler an eine weitere weibliche Freundin in Lungern schickte, behauptete er, dass Zumstein sich "wie eine Dämon" an ihn geheftet habe. "Wenn ich Vater sein sollte, was ich zwar immer noch bezweifle, und jedenfalls zuerst davon Gewissheit haben will, so werde ich für das Kind thun was mir möglich ist, aber heirathen kann und mag ich die Person nicht." Wie aber konnte man in der Zeit vor DNA-Tests Gewissheit über eine Vaterschaft erlangen? Zumstein musste sich einem sogenannten "Geniessverhör" stellen: Während der Geburt befragte man sie nach dem Vater des Kindes, nach dem Zeitpunkt der Schwängerung und nach weiteren Affären. Unter der Extremsituation der Geburt, so die Vorstellung der Zeit, sagten Frauen die Wahrheit. Zumstein blieb bei ihrer Aussage und gebar kurz darauf Zwillinge - einen Jungen und ein Mädchen, das direkt nach der Geburt verstarb. Während Thaler sich von Obwalden fernhielt, wurde Zumstein schliesslich am 17. Juli 1876 vom Obwaldner Zivilgericht erneut verurteilt: Neben einer Busse von 120 Fr. verlor sie für zwei Jahre ihr Aktivbürgerecht, wurde unter polizeiliche und kirchliche Aufsicht gestellt und durfte Lungern nicht verlassen.

Zumstein war kein Einzelfall: Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der Schweiz zwischen 4-7 Prozent der Kinder unehelich geboren, nicht zuletzt, weil finanzielle und rechtliche Hürden Eheschliessungen erschwerten. Nicht nur Strafverfolgung, sondern auch Stigmatisierung und Armut der Mütter waren oft die Folge, während und sich Männer wie Thaler, die beruflich mobil waren, leicht entziehen konnten.

Eintrag zur Geburt der Zwillinge Zumstein im Amtsblatt des Kantons Obwalden
Ausschnitt aus der Verhandlung vor dem Zivilgericht Obwalden, 17.07.1876

Quelle

Staatsarchiv Obwalden

KGP.0003, S. 23-5: Zivilgerichtsprotokoll, Verhandlung von Anna Maria Zumstein, 17.07.1876.

Weitere Informationen

  • S.01.09.08: Abschrift der Briefe Conrad Thalers in der Genealogischen Sammlung Hans Ming
  • T.01.01.1876.21: Geburt der Zwillinge im Amtsblatt des Kantons Obwalden, S. 217.
  • Markus Lischer, Illegitimität. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS).